Netzwerkabend Februar 2026
„Anschläge haben die Schwachstellen offengelegt“
Wenige Wochen nach dem Brandanschlag auf die Kabelbrücke am Berliner Kraftwerk Lichterfelde hat der KKI e.V. am 26. Februar zum 1. Netzwerkabend 2026 in die Skylounge der Berliner Energie und Wärme AG geladen – eine Einladung, die nicht nur wegen der Großstörung bei Stromnetz Berlin mit rund 45.000 unversorgten Haushalten und über 2200 vom Netz getrennten Unternehmen auf erwartet große Resonanz gestoßen ist.
Mit dazu beigetragen haben die beiden Referenten: Yan St-Pierre, CEO und Counter-Terrorism Advisor der Modern Security Consulting Group MOSECON GmbH, sowie Matthias Max, Senior Manager für Business Continuity & Resilience Assurance bei der Deloitte GmbH und persönliches Mitglied im KKI. Sie widmeten sich vor dem Hintergrund des Brandanschlags Anfang des Jahres zum einen disruptiven Bedrohungen in Deutschland und davon ausgehenden Gefahren in diesem Jahr sowie der erwarteten Umsetzung des KRITIS-Dachgesetzes.
Zu den Personengruppen, die ein Risiko für die KRITIS-Bereiche sind, zählt St-Pierre staatlich unterstützte Akteure, klassisch radikale Organisationen, Do-it-yourself-Akteure und Kriminelle, die als Dienstleister angeheuert werden. Sie legen ihren Fokus darauf, Lieferketten zu unterbrechen, Vorstandsmitglieder anzugreifen oder unter Druck zu setzen sowie systemrelevante Bereiche direkt zu schädigen. Die Bandbreite der drohenden Gefahr reiche dabei von Brandstiftung wie im Fall von Stromnetz Berlin über Sabotage und Vandalismus bis hin zu Drohnenüberflügen. „Disruptive Kriegsführung ist von der Begrifflichkeit her keine neue Erfindung unserer Zeit“, sagt Yan St-Pierre, „disruptive Kriegsführung findet sich schon im Handbuch der CIA aus den 1960er Jahren wieder.“
Neu sind Feinheiten wie die Zunahme von Täuschungsmanövern im operativen und kommunikativen Bereich, die verstärkte Nutzung von Künstlicher Intelligenz oder das Entstehen einer Planer-/Täterstruktur in linken und rechten Kreisen. Wie Hintermänner von Anschlägen Kommunikation heutzutage nutzen, machte St-Pierre am Beispiel des Anschlags in Adlershof vom September vergangenen Jahres deutlich: die mutmaßlichen Akteure posteten im Internet Informationen, die Täterwissen enthielten, das zu jenem Zeitpunkt der Öffentlichkeit noch nicht bekannt war und letztlich anstiftend wirken, also Werbung für nachahmenswerte Anschläge in anderen Ländern machen sollte.
Für Berlin und Brandenburg stuft St-Pierre das Anschlagsrisiko aufgrund der nahen Grenzen zu Polen und Tschechien als vergleichsweise hoch ein, insbesondere für Unternehmen und Logistikzentren. „Berlin und Brandenburg bleiben als Anschlagsziel interessant und die Anschläge in Adlershof und Teltow haben die Schwachstellen offengelegt“, betonte der Terrorismusexperte.
Matthias Max, Senior Manager Business Continuity & Resilience Assurance, Deloitte GmbH gab in seinem Referat einen praxisnahen Überblick darüber, welche neuen Anforderungen auf Betreiber kritischer Infrastrukturen zukommen – und wie Organisationen sie effektiv verankern können. Dem Allianz Risiko Barometer 2026 zufolge stellen Cyber-Vorfälle weiterhin die größte Gefahr für Unternehmen dar. Mit dem KRITIS-Dachgesetz, das noch in diesem Jahr in Deutschland in Kraft treten soll, wird das Ziel verfolgt, Infrastrukturen resilienter zu machen und Unternehmen stärker in die Krisenbewältigung einzubinden. Um dieses Ziel zu erreichen, bedarf es Matthias Max zufolge gemeinsamer Notfall- und Resilienzplanungen, stabiler Kommunikationsstrukturen mit Behörden sowie gemeinsamer Übungen und Risikobewertungen. „Mehrere Studien zeigen: Unternehmen sind Teil der Krisenbewältigung und müssen strukturell eingebunden werden“, forderte Max vor den über 60 Gästen des Netzwerkabends. Resilienz sei eine Daueraufgabe: Alltag und Ausnahme (Krise) dürften nicht separat gedacht werden, betonte er.
Das KRITIS-Dachgesetz definiere erstmals bundesweite Mindeststandards für den physischen Schutz kritischer Anlagen – betroffen davon seien in Deutschland etwa 1500 Unternehmen. Sie seien aufgefordert, Resilienzpläne zu erstellen und diese auch gegenüber den Behörden nachzuweisen. Dazu zähle die Definition von Schutzzielen und die Ermittlung von Risiken ebenso wie notwendige bauliche und technische Maßnahmen oder das Aufstellen von Notfallplänen und das Durchführen von Sicherheitsübungen. Max verwies in seinem Vortrag auf eine von Deloitte und dem KKI e.V. erarbeitete Checkliste zum KRITIS-Dachgesetz für Unternehmen, die über die Website heruntergeladen werden kann.
Auf den Einwand von Martin Debusmann, 1. Vorsitzender des KKI e.V. und Manager bei der Berliner Energie und Wärme AG (BEW), dass er und seine Kolleginnen und Kollegen Expertise in der Energieversorgung hätten, aber keine Sicherheitsexperten seien, erwiderte Matthias Max: Unternehmen hätten schon viel an Krisenbewältigung während der Corona-Pandemie gelernt. „Das Einfachste ist, sich zunächst zu fragen: Was machen wir schon alles, um auf Krisen vorbereitet zu sein?“, riet Max. Davon ausgehend könnten Unternehmen überlegen, vorhandene Krisenszenarien zu erweitern. Matthias Max: „Das ist ein Transformationsprozess. Das geht nicht von heute auf morgen.“
Bei einem Imbiss klang der Abend aus – und wurde zum Raum für konkrete Ideen: bessere Prävention, noch besser abgestimmte Krisenkommunikation, robustere Sicherheitskonzepte, engere Kooperation.
Das nächste Highlight wirft bereits seine Schatten voraus: Für den 8. September 2026 lädt der KKI e.V. zu seiner jährlichen Fachtagung in die Turbinenhalle in Berlin-Moabit ein.

Foto: Thomas Ecke

Foto: Thomas Ecke
WAS: Jährliche Fachtagung des KKI e.V.
WANN: Dienstag, 08. September 2026
WO: Turbinenhalle in Berlin-Moabit
Wir bitten um Rückmeldung bis zum 24. August 2026
Für Rückfragen erreichen Sie uns wie folgt:
Telefon: 030 322932-2999
E-Mail: info(at)kki-verein.de
Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme und einen erkenntnisreichen Abend!
Geplant ist folgende Agenda:
| 16:30 Uhr | Eintreffen und Registrierung |
| 17:00 Uhr | Begrüßung durch Martin Debusmann, 1. Vorsitzender des KKI e. V. |
| 17:10 Uhr | Disruptive Bedrohung(en): Tendenzen in Deutschland und ihre Bedeutung für 2026 Yan St-Pierre, CEO und Counter-Terrorism Advisor der Modern Security Consulting Group MOSECON GmbH |
| 17:30 Uhr | Vom Gesetzestext zur Umsetzung: Was das KRITIS-Dachgesetz jetzt verlangt Matthias Max, Senior Manager für Business Continuity & Resilience Assurance, Deloitte GmbH |
| 18:00 Uhr | Imbiss und Networking |
| 19:30 Uhr | Ende der Veranstaltung |